Franz Wilhelm von Ditfurth

In der Zeit von 1830 bis 1855 sammelte Franz Wilhelm v. Ditfurth im Schloß seines Bruders zu Obertheres fränkische Volkslieder. Er ließ sich diese bei jeder Gelegenheit vorsingen und jedermann war ihm willkommen, der seinen Liedschatz bereichern konnte. Als Anreiz soll auch eine ordentliche Brotzeit gelockt haben. Er hat den Ruf Frankens, zu den liederreichsten und sangesfreudigsten Gegenden Deutschland zu gehören, mitbegründet. Es bleibt sein Verdienst, dass er als einer der ersten auf die Zweistimmigkeit des Volksgesanges hingewiesen hat. Ditfurth ließ allerorten in den Dorfern der Umgebung des Schlosses Theres Bekanntmachungen anbringen, in dem er Hndwerksburschen aufforderte, nach Schloss Theres zu kommen. Dort sollten sie ihm alle ihnen bekannten Lieder und Weisen vorsingen. In Obertheres selbst standen ihm viele Gewährsleute, besonders aus der Familie Hußlein, zur Verfügung.
1855 brachte Ditfurth seine erste große Publikation heruas, die Fränkische Volkslieder. Die zweibändige Sammlung ist eingeteilt in 400 weltliche und 180 geistliche Lieder. Diese Lieder wurden zum größten Teil zwischen Schweinfurt und Bamberg, nördlich und südlich des Mains, ja vorwiegend an einem einzigen Ort, in Theres, gesammtelt. Ein Blick in diesen Liederschatz ist äußerst lohnenswert. Denn der Interessierte erhält nicht nur einen Einblick in die Volksfrömmigkeit, kann isch nicht nur an der Vielfalt und an den Melodien der Lieder erfreuen, sondern erfährt auch vieles über die Sorgen, Nöte und Freunden der Menschen. Die ganze sakrale Geographie fränkischer Landschaft wird in den "geistlichen " Liedern sichtbar, mit Legenden, Gnadenbildern, Kapellen und Heiligen. Die "weltlichen" Lieder ihrerseit sind geordnet nach den Themen "Balladen, Liebeslieder, Hochzeits- und Ehestandslieder, geschichtliche Lieder, Soldatenlieder, Jäger- und Wildschützlieder, Handwerkslieder und Verwandtes, Zechlieder und Vermischtes".
Dirfurt nannte zu allen Liedern stets den Ort, an dem sie gesungen wurden. So ist heute noch festzustellen, dass viele Lieder an mehreren Orten gesungen wurden. In ihnen offenbaren sich sämtliche Gefühle, freudige und leidvolle Erfahrungen, menschliche Schwächen und Verbrechen: vom Liebgesglück bis zum Liebeslied, von der Treue bis zur Untreue, von der reinen Liebe bis zur Vergewaltigung, von der Geburt bis zum Tod, von Selbstmord bis Mord, von der Flucht aus dem Kloster oder aus dem Regiment, sowie vom Jahren und Wildern.
Die Texte sind klar und deutlich, manchmal auch derb, erotisch oder anzüglich. Aus Theres zum Beispiel stammen das Spottlied: Jula ist das schönste Kind, wenn andre nicht zu Hause sind" oder die heite Weise: "Recht vergnüget kann man leben, wenn man lebet ohne Weib". Auch das von Emanzipation geprägte Lied "Die Frau, die wollt`ins Wirtshaus gehn, der Mann der wollte auch mit gehn. Ei Mann, du musst zu Hause bleib`n, musst die Schüssel und Teller reib`n", wurde in Theres damals gesungen.
Von der Liebesnot einer Frau spricht folgendes Lied: "Ich bin ein jung frisch Weibchen, und hab ein alten Mann, schön zart bin ich von Leibchen, das sieht man mir wohl an. Ich koch ihm täglich Eier und Sellerich zum Salat, doch bleibt`s die alte Leier: Er hat des Liebens satt!" Neckische Lieder gehören ebenfalls zum Repertoire: "Wenn du willst mein Schätzlein werden, musst du alles leiden: musst du mir aus schwarzer Kohlen, machen weiße Kreiden. Wenn ich dir aus schwarzer Kohlen, mache weiße Kreiden, musst du mir ein Kind gebären und ein Jungfrau bleiben".
Von seinem Aufenthalt im Schloss Theres schreibt Ditfurth später: "Ich gewann bald die milde, schöne, reichgesegnete Gegend und ländliche Beschäftigung so lieb, dass ich länger dort gefesselt war, als ich zuerst beabsichtigte... zu gleicher Zeit eröffnete sich mir im dortigen Volksgesange ein so ergiebiges neues Feld, daß ich immer tiefer und emsiger in das Sammeln des Volkslieder gerieth, wobei mir musikalische Kenntnisse doppelt von Wert waren".


Weitere Liedersammler der Gemeinde:
Im Herbst 1960 fand sich in Obertheres ein handgeschriebenes Liederbüchlein, das 1813 von Andreas Hußlein angelegt und 1843/44 weitergeführt wurde von Franziska Schellenberger, geb. Firsching und Moritz Oberhofer, einem Sohn des Gutsverwalters Simon Oberhofer. Dieses sog. „Oberthereser Liederbuch“ wurde in den Schatz der Fränkischen Volksmusik aufgenommen. (Dr. Steinmetz, Dr. Griebel, Fränk. Forschungsstelle für Volksmusik, Walkershofen).
Zum 100.Todestag veranstaltete die VHS ein Konzert zu Ehren des Liedersammlers. (Programm[nbsp]- 1.039 KB)
1995 fand im Reiterhof des Schlosses von Obertheres zur Erinnerung an den Liedersammler Ditfurth eine Aufzeichnung des Bayerischen Rundfunkes statt.    

Das Leben in Kurzform:

- geboren am 07. Oktober 1801 auf dem Gut Dankersen bei Rinteln an der Weser
- nach dem frühen Tod der Eltern (Mutter 1808, Vater 1815) nimmt sich der älteste Bruder Georg der verwaisten Geschwister an
- 1820 Beginn eines Jurastudiums in Marburg, er beschäftigt sich aber schon in dieser Zeit - seiner wahren Neigung folgend - mehr mit Musik und Poesie
- 1825 beginnt er ein Musikstudium in Leipzig, sein Jurastudium bleibt ohne Abschluss 
- 1830 kommt er mit seinem Bruder Georg nach Obertheres
- 1834 wird er aktiver Sänger im Männergesangverein Liederkranz in Schweinfurt, kommt in Kontakt mit Familie Sattler, Friedrich Rückert und Gottlieb von Tucher aus Nürnberg
- 1835 beginnt er mit der Aufzeichnung von nur im Volk gesungenen, aber noch nicht gedruckten Liedern in Obertheres und den Orten am Main zwischen Schweinfurt und Bamberg
- ab 1855 veröffentlicht er die gesammelten Lieder in Leipzig, in diesem Jahr heiratet er Thekla Wallis aus Leipzig und zieht nach München
-1859 Umzug nach Nürnberg
- am 25. Mai 1880 stirbt er in Nürnberg


Warum sammelte v. Ditfurth?
- Die Zeit des Biedermeier bringt eine Rückbesinnung auf das alltägliche Leben der Menschen, auf die Wichtigkeit von Familie und Nachbarschaft.
- Die Sehnsucht nach einem einigen deutschen Staat und die Betonung der nationalen Eigenheiten führt zu einer neuen Wertschätzung des kulturellen Erbes des deutschen Volkes. 
- Das Volkslied, also das beim einfachen Volk gesungene Lied, gilt als wesentlicher Ausdruck der Volksseele und findet das besondere Interesse der gebildeten Schicht, der Wissenschaftler, Schriftsteller ....
- Auch Franz Wilhelm von Ditfurth beginnt, in Schulen, Wirtshäusern und Spinnstuben, bei fahrenden Handwerksburschen und einfachen Dorfleuten bisher noch nicht im Druck erschienene Lieder zu sammeln, die im Alltag, bei weltlichen und kirchlichen Festen vom Volk gesungen wurden.
- Seine sich über 25 Jahre erstreckende Sammeltätigkeit in Franken führt dazu, dass aus seiner Liedersammlung ein einmaliges fränkisches Kulturzeugnis wird, das tiefe Einblicke in das Alltagsleben, die Sorgen und Nöte, das Denken und Fühlen der Menschen in Franken zur damaligen Zeit gibt.

Die Ditfurthsche Liedersammlung erschien in zwei Bänden:
180 geistliche Lieder
- ergeben ein lebendiges Bild der damaligen Volksfrömmigkeit und religiösen Praxis
- machen in den zahlreichen Wallfahrtsliedern die sakrale fränkische Landschaft der Zeit mit ihren viel besuchten Wallfahrtsorten und Gnadenkapellen erfahrbar
400 weltliche Lieder
sind in folgende Themenbereiche geordnet:
- Balladen
- Liebeslieder
- Hochzeits- und Ehestandslieder
- geschichtliche Lieder
- Soldatenlieder
- Jäger- und Wildschützenlieder
- Handwerkslieder und Verwandtes
- Zechlieder und Vermischtes


Die Sprache der Texte ist klar, eindeutig manchmal auch derb, erotisch oder anzüglich. Die Fülle der zweistimmig aufgeschriebenen Weisen allein aus dem Landstrich zwischen Schweinfurt und Bamberg, insbesondere auch aus Theres, überrascht.
Ditfurth schreibt im Vorwort zu seiner Sammlung, dass er in Franken viele Sängerinnen traf, die weit über hundert, oft vielstrophige Lieder vollständig auswendig vortragen konnten. Dies trifft besonders auch auf Franziska und Kunigunde Hußlein aus Obertheres zu. Ditfurth nennt Franziska Hußlein mehrfach „eine lebendige Liederchronik.“
Über seinen Aufenthalt im Schloss Theres von 1830 bis 1855 äußert sich Franz Wilhelm von Ditfurth später:
„Ich gewann bald die milde, schöne, reich gesegnete Gegend und ländliche Beschäftigung so lieb, dass ich länger dort gefesselt war, als ich zuerst beabsichtigte...zu gleicher Zeit eröffnete sich mir im dortigen Volksgesange ein so ergiebiges neues Feld, daß ich immer tiefer und emsiger in das Sammeln der Volkslieder gerieth, wobei mir musikalische Kenntnisse doppelt von Wert waren.“
In Erinnerung an das Leben und Wirken Ditfurths in Obertheres hat der Gesangverein Frohsinn 1889 Obertheres im Jahre 1981 dem gemischten Chor den Namen Ditfurthchor gegeben. Seit dieser Zeit wird das Liedgut aus der Ditfurthschen Liedersammlung im Chor gepflegt.

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