Lorenz Hußlein

Der Chronist Dindorf umschrieb Herrn Husslein im Mai 2005 mit folgenden Worten: "Ein Oberthereser, den manche noch gekannt oder auch verkannt haben." Scharfsichtig, weitblickend und interessiert beobachtete und analysierte er die Vorgänge um sich herum und blickte dabei auch über den örtlichen Tellerrand hinaus. Über Fernkurse bildete er sich in verschiedenen Disziplinen weiter, schrieb Artikel für Zeitschriften und war langjährig als Lokalredakteur und Verfasser von Betrachtungen für das "Haßfurter Tagblatt" tätig. Gerne durchforstete er den Bücherschrank seines Onkels, weil sein schmaler Geldbeutel den Kauf dieser Literatur nicht zugelassen hat. In Obertheres bekleidete er ab den 30er Jahren einige gemeindliche Ehrenämter und war Leiter der Spar- und Darlehenskasse. In mehreren Nachbarorten war er für die dortigen Spar- und Darlehenskassen zuständig und fertigte deren Bilanzen. Nationalsozialismus und Kriegstreiberei waren ihm tiefst zuwider. Über 40 Jahre lang führte er Tagebücher, in denen er nicht nur Erlebnisse und Beobachtungen niederschrieb, sondern auch Gedichte über die damalige Zeit verfasste. (Beispiele sind am Ende dieser Seite zu finden.) Lorenz Hußlein und seine Nachfahren stellen der Gemeinde Theres mit diesen Tagebüchern der Gemeinde ein wichtiges und interessantes Dokument zur Verfügung, woraus man heute vieles über die Zeit des Naziregimes mit dem 2. Weltkrieg und seine Auswirkungen auf sein Heimatdorf Obertheres erfahren kann.



Hier einige interessante Auszüge aus seinen Tagebüchern:

1. Mai 1933: Gleichschaltung der Gemeinde Obertheres. Durch eine Verordnung der "nationalen Regierung" wurden sämtliche Parlamente, auch die Gemeinderäte aufgelöst. Sie wurden neu gebildet auf Grund der letzteren Reichstagswahlen, wo in Obertheres 198 Bayerische Volkspartei, 51 Nationalsozialisten, vier Deutschnationale, 32 Sozialdemokraten, 20 Kommunisten und je zwei Stimmen den Bayerischen Bauernbund und die Deutsche Volkspartei gewählt hatten.
Der Bürgermeister wurde nicht mehr allgemein, sondern vom neuen Gemeinderat gewählt, und zwar erhielt Julius Vogel sieben Stimmen, der Nationalsozialist Waldmann stimmt für Baron Gundram v. Gise. Nach dem neuen Gesetze muss der Bürgermeister vom Bezirksamt und von dem nationalsozialistischen Bezirks-Sonderkommissar bestätigt werden. Diese Bestätigung wurde versagt und Bürgermeister Julius Vogel wegen seiner früheren politischen Tätigkeit abgelehnt.

16. Januar 1934: Das "Reden" freilich ist vorsichtiger, weil gefährlicher und eventuell mit Schutzhaft, beziehungsweise Dachau (Konzentrationslager) verbunden.

25. April 1944: Dieser Februarangriff auf Schweinfurt, ein Tages- und zwei Nachtangriffe am gleichen Tag, bot besonders nachts ein schauriges Bild. Am Main entlang, bis herauf zu uns, standen die Leuchtkugeln gleich Lampen am Himmel und über Schweinfurt prasselte fürchterlicher Feuerregen. Brand- und Sprengbomben, Luftminen und alle Mordwaffen der Neuzeit säten Vernichtung über Schweinfurt und die umliegenden Dörfer unterhalb der Stadt. Ein neues, das dritte Massengrab wird die Opfer aufnehmen.

4. April 1945: Anstelle dass wir froh und frei zur Sonne sehen und Ostern feiern konnten, schwirren die Feindflieger über unseren Köpfen und Mensch und Tier werden gejagt und müssen sich verkriechen, so gut es geht. Gestern, am Osterdienstag, wurden elf Opfer des Luftkrieges, welche im Eisenbahnzug während der Feiertage hier angegriffen wurden, im hiesigen Friedhof in einem Massengrab beigesetzt. Am unteren Dorfeingang hat der "Volkssturm" bereits eine Panzersperre gebaut. Amerikaner und Engländer haben den Rhein überschritten. Sie stehen vor Würzburg und Kitzingen, wir selbst sind Kriegsgebiet geworden. Arme, gehetzte Menschen mit armseligen Bündeln letzter Habe durchziehen Straßen und Dörfer, wissen nicht mehr ihr müdes Haupt zu betten. Jede Stunde kann uns Gleiches passieren, kann Hab und Gut in Flammen aufgehen und uns selbst das letzte Stündlein schlagen. Kein Wunder, wenn der Großteil des Volkes auf baldige Besetzung hofft, um endlich wieder zur Ruhe zu kommen.

18. April 1945: Am Mittwoch, 11. April 1945, Nachmittag, viertel sieben Uhr wurde Obertheres von amerikanischen Truppen besetzt. Seit unserer letzten Eintragung liegen recht aufregende Tage hinter uns. In der Woche vor der Besetzung überboten sich die Gerüchte mit brennenden Dörfern und sonstigen Kriegsschrecken. Es verging kein Tag, wo es nicht hieß: "Sie kommen, sie kommen!"
Durchzüge von deutschen Militär, meist abgesetzte Truppen, welche rückwärts gegen Bamberg gingen. Dann die sinnlose Volkssturm-Maskerade, die Auflehnung der Bevölkerung gegen die Panzersperren am unteren Dorfende. Weiberdemonstrationen (Berta Schneider und Johanna Glöckner) gegen die Schließung letzterer. .... Trotzdem musste auf Betreiben des Militärs nochmals die Sperre geschlossen werden. Am Montag versuchte die deutsche Führung, in Richtung Buch nochmals vorzustoßen. Als aber bei Sailershausen einige Panzer der Amerikaner auftauchten, gingen unsere Truppen eilig wieder zurück gegen den Steigerwald, so dass am Dienstagabend fast kein deutscher Soldat mehr in der Ortschaft blieb und der Volkssturmführer seine Uniform mit dem schwarzen Rock tauschte. Wenn nur nicht Widerstand im Dorf geleistet wird und Obertheres nicht beschossen wird, das war unsere bange Sorge in diesen bewegten Tagen. Betten, Wäsche, Lebensmittel, kurzum alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde im Keller verstaut. Wägen und Maschinen wurden im Hofe frei gestellt. am Dienstag erneute Aufregung: Früh um 3.00 Uhr kam nochmals eine Kompanie Soldaten mit der Schreckenskunde: "Obertheres soll verteidigt werden!" In Nacht und Finsternis sah man Frauen mit Handwägen und Kinderwägen zum Schlosskeller pilgern. Auch viele Dorfbesucher suchten dort Schutz. Wir und verschiedene Dorfbewohner stellten uns in Bereitschaft vor die eigenen Keller, sozusagen wartend dass der Geschosshagel einsetzt und das Dorf in Trümmer fegt. Es blieb ruhig bis in die Abendstunden. Als aber um 6.00 Uhr abends ein Dutzend deutscher Soldaten mit Panzerfäusten und Gewehren in Trab zum Bahnhof rannten, merkte man, dass es mit der Besetzung ernst wurde. Als die abgehetzten, armen Soldaten am Bahnhof anlangten, wurden sie von ihrem Leutnant nochmals ins Dorf gejagt und wussten nicht mehr ein und aus. Schon knatterte es vom oberen Dorf von allen Seiten. Das erste große Panzerungetüm wurde sichtbar und im Handumdrehen standen bereits Soldaten in unserem Garten. Babett glaubte zunächst es seien noch Deutsche, welche im Keller Schutz suchen wolten. "Geht doch hinaus" sagte sie. Erst als dieselben in gebrochenem Deutsch fragten, ob im Keller deutsche Soldaten seien, erkannte sie, dass es bereits die Amerikaner waren, welche dann im Keller Nachschau hielten. Rasch gingen sie wieder weiter und wir begaben uns zur Gartenmauer und sahen den Einmarsch der Amerikaner, welche mit unzähligen Autos von Buch kamen, hier einzogen und sofort Kabel und Leitungen legten. Bald darauf gab es wieder amerikanischen Besuch, der nach Eiern und Schnaps Erkundigungen einzog und dafür den Kindern und Damen Schokolade und Bonbons spendierte. In der Nacht schoss die amerikanische Artillerie über den Main und die schweren Geschosse sausten und zischten über unser Dorf. Falls sich in Obertheres Widerstand gezeigt hätte, wäre es heut nur noch eine Trümmer- und Ruinenlandschaft. Sämtliche Kanonen waren in Stellung und schussbereit auf Obertheres gerichtet. Hier hatte die amerikanische Führung den Übergang zum Main geplant und in den Morgenstunden des nächsten Tages wurde unter Vernebelungsschutz die Pontonbrücke über den Main geschlagen und den ganzen Tag zogen Panzer, Autos und Geschütze über den Main in Richtung Steigerwald und Bamberg. Das Verhalten der amerikanischen Truppen war, abgesehen von einigen diebischen Elstern, korrekt. .... Ausgang hatten die Bewohner die ersten Tage nur zwei Stunden, von 11.00 Uhr bis 13.00 Uhr, laut Anschlag. Das Ausgehverbot wurde aber nicht kleinlich gehandhabt, man sah auch sonst unter Tags die Leute im Dorf herumlaufen. ... Die Parteigenossen, die Herren von gestern, wurden freilich recht kleinlaut. Seit Sonntag können die Bewohner wieder von sieben Uhr früh bis sieben Uhr abends ihrer Tätigkeit nachgehen.. Verschiedene Parteigenossen mussten schon recht missliche Reden hören, denn jetzt braucht keiner mehr vor diesen gewesenen "Größen" ein Blatt vor den Mund zu nehmen. ... Freilich dürfte die Zukunft noch viele Widerwärtigkeiten bereithalten, aber unsere Habe und unser Haus sind noch erhalten und die Gemeinde hat weder Tote noch sonst wie Verletzte. Das ist also das Endresultat des Hitlerreiches, das Vaterland in Feindeshand. Jetzt kommen die Verbote der Besatzungsbehörde und der Nazideutsche hat nicht das geringste Recht, darüber zu murren. Die Nazideutschen waren es, die Deutschland zu Grunde gerichtet haben. Das "tausendjährige" Reich Hitlers ist uns in nur 12 Jahren seiner Praxis zur Hölle geworden.

April 1945: ... Post und Bahn liegen noch brach, Handel und Wandel liegen darnieder. Also ist nicht viel zu machen. ...

Mai 1945: Das übliche 1. Maiwetter friert uns die Hände blau. Ein warmes Zimmer, ein gutes Bier, ein gemütlicher Tarock mit Pfeife oder Zigarre wäre der beste Maifeierrahmen dieses Jahres. Aber, es ist ja noch Krieg und das Reich hatte in den letzten Jahren nur Geld für Krieg und Zerstörung, so dass schon längst das Vollbier alle geworden ist und jetzt auch der Tabak ausgegangen ist. Und ohne Dampf und Flüssigkeit will das Karten auch nicht gehen. Im übrigen steht der 1. Mai wieder in besserem Geruch als im Hitlerreich. Die alten Fahnen, das bayerische weiß-blau, das fränkische weiß-rot und die alte Reichsflagge schwarz-weiß-rot beleben das Straßenbild und jeder kann den 1. Mai nach seiner Passion feiern. Die propagandistischen Naziaufmärsche mit ihrem albernen Zwang haben aufgehört und das Volk fühlt sich wieder freier. ...

August 1946: Nun kam das Flüchtlingswesen als eminentes Sorgenkind auf die Behörden zu. Zu den 549 Dorfbewohnern des Jahres 1939 sind inzwischen weitere 300 gekommen, meist ihrer Heimat beraubter Menschen, aus Schlesien, dem Sudetenland, Ungarn, Estland und so weiter.

1948: Was nun? Von der enormen Trockenheit des Jahres 1947, in der die Ernährungsbasis eines hungernden, zusammengepressten Volkes unerbittlich vermindert wurde, in dem es mit einem Minimum an Nahrung von Periode zu Periode durchgeschleust wurde, und in dem die Kartoffelversorgung ein wichtiger Problem zwischen Ost und West darstellte, rettete die reichhaltige Obsternste in Obertheres die Bevölkerung, Flüchtlinge und arme Einheimische vor allzu großer Hungersnot. Ein großes Problem der Landwirtschaft war die Sicherstellung der Futterversorgung des Viehs von Februar bis Mai. Aber auch die Brotversorgung selbst stand durch den Ausfall des Winterweizens auf recht schmaler Basis. "Der deutsche Mensch ist Spielball zwischen Ost und West, nachdem ihn selbst die Natur geschlagen hat." Ein ungewöhnlich milder Winter hat die Herbstsaaten sehr gefördert und es steht wohl ein besserer Ertrag für den Herbst dieses Jahres in Aussicht. Das Gespenst des Hungers führ Frühjahr und Sommer ist aber keineswegs gebannt. Die deutsche "Passion" dürfte sich in Bezug auf Ernährung weiterhin verschärfen. Der lahmgeschlagene deutsche Volkskörper wird vom Ausland knapp gehalten, Deutschland soll darben. Freilich, in der Gegenwart haben die Schieber und Schwarzhändler ihre fetten Gewinne und lachen und witzeln über die faden Moralprediger.

Nachfolgend zwei Gedichte von Lorenz Hußlein:
Aus dem Jahre 1937:


Wir hören Ostern - sehen Fasten

Wir feiern diesmal frühe Ostern
schließen fröstelnd uns im Zimmer ein ....
Kalt ist es heut, Schnee gab es gestern
Noch schläft der Lenz – und dünn gesät ist Sonnenschein!

Verregnet ist noch unser Sehnen
Mit Nebeln unsre Brust beschwert
Mir ist, als seh ich viele Tränen
Gebeugte Menschen, still in sich gekehrt.

Die Auferstehungslieder klingen weit von ferne,
Vor unseren Herzen liegt noch Stein ...
Am Himmel blinken einsam wenige Sterne
Trotz Osterjubel können wir nicht glücklich sein.

Man sucht uns lebend zu begraben,
Schränkt Wort und Presse tödlich ein
Ohne Freiheit sind wir Sklaven
Stirbt unseres Leben Sonneschein.

Der Rüstungsteufel feiert Siege,
Das Kriegsgeschrei verseucht die Welt ...
Es triumphieren Hass und Lüge,
Der Mensch zählt wenig, viel das Geld!

Wir hören Ostern – sehen Fasten
Oft schon wurden wir verlacht.
Kommen statt Freude – neue Lasten
Heißt es, ach wer hätte das gedacht?

Wer die Menschheit liebt, will Frieden,
Wer das Elend will, den Krieg!
Jeder suche zu verhüten
Dass die Hetzer feiern Sieg.


1942

„Komm neues Jahr, bring Frieden,
Der Krieg zehrt an der Menschheit Mark.
Mord und Zerstörung sollen schwinden
und bei den Völkern werde wieder Liebe stark!

Nicht da, wo Kugeln und Granaten fliegen,
Wo Menschen stöhnen, schwer getroffen,
wo Bomben sausen, dass sich die Balken biegen
und Panzer rattern, dass die Häuser zittern.
Nein, wo Ruin und Trümmer, da ist wenig Hoffen.

Wir hassen diesen Krieg, der Leid und Not gebiert,
der Schandfleck ist im kurzen Menschenleben.
Und Strafe denen, die ihn angeführt,
die mit den Völkern Treibjagd halten,
die ihre Lügen goldig kränzen
mit Märchen-Weihrauch sich umgeben.

Wer gut es mit der Menschheit meint,
der will und liebt den Frieden.
Wer Krieg will, der ersehnt Barbarei.
Er ist Barbar und wünscht sich Sklaven.
Drum seid wachsam, mutig ohne Zagen.
Taucht so ein Hetzer auf, erwischet ihn beim Kragen.

Geschüttelt, dass der Magen zittert,
fest gegerbt sein Hinterteil.
Eine Zeit lang wenig gefüttert,
das werde solchem Lump zuteil!
Treibt ihm raus die Barbarei,
das ist der beste Schutz vor Sklaverei!“

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